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Antonio Cossio / dpa / picturedesk.com
Von Irmgard Kischko
Investoren bremsen Fast Fashion aus
Mode, die schnell wieder abgelegt und am Müll landet, dominiert nach wie vor die globale Szene. Doch Nachhaltigkeit wird auch in dieser Branche zunehmend zum Thema. Käufer und Investoren verlangen danach. „Das wird zum Megatrend“, ist Henrik Pontzen, Leiter ESG bei Union Investment, überzeugt.
März 2022
Der Finanzchef des Schweizer Laufschuhherstellers On, ist selbst nicht nur begeisterter Läufer, sondern liebt auch Kunst und Kultur.
Er leitet seit Jänner 2019 ESG im Portfolioinvestment der deutschen Fondsgesellschaft Union Investment. Zuvor stand er unter anderem der Institutional Client Group der HSBC vor.

Die Modewelt dreht sich in zunehmend rasantem Tempo. Zumindest alle zwei Wochen kommt eine neue Kollektion bei Zara in die Shops. Der jüngste Fast-Fashion-Champion, der chinesische Onlinehändler Shein, stellt täglich 500 neue Modelle auf sein Portal. Kaufen, kurz tragen und wegwerfen, lautet die Devise. Fast Fashion entpuppt sich als ökologische Katastrophe. Allein die Herstellung von Kleidern und Schuhen produziert acht Prozent der globalen Treibhausgase. Die Kleiderberge, die im Müll landen, tun ihr Übriges dazu. Denn: Der Großteil der Textilien verrottet Hunderte von Jahren nicht.

Investoren bremsen Fast Fashion aus





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„Das Kernproblem ist, dass immer mehr Textilien produziert werden“, sagt Henrik Pontzen, Leiter ESG bei Union Investment. Seit 1996 ist der Textilkonsum in der EU um 40 Prozent gestiegen, bis 2030 wird ein weiteres jährliches Wachstum von fünf Prozent prognostiziert. 60 Textilteile pro Jahr kaufen derzeit deutsche Verbraucher im Durchschnitt, getragen werden sie aber nur noch halb so lange wie im Jahr 2000, ergab eine Greenpeace-Studie. „Das ist ein großes Problem, das uns noch mindestens eine Generation beschäftigen wird“, schätzt Pontzen.

zahlen und fakten

Zahlen & Fakten

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Kilogramm Kleidung und Schuhe pro Jahr kauft ein durchschnittlicher EU-Bürger.

Doch auch in der Modebranche beginnen sich die Ökogeister zu regen. Der Druck von Konsumenten, die umweltfreundliche Mode verlangen, wächst. Die Investorengemeinschaft blickt zunehmend genau auf die Branche. Investiert wird, wenn die Umweltbilanz stimmt – oder zumindest die Richtung zur Nachhaltigkeit eingeschlagen wird. „Nachhaltigkeit wird zum Megatrend in der Branche“, ist Pontzen überzeugt. Dabei geht es nicht um ein bisschen Behübschung mit ökologischen Themen. „In Modeunternehmen darf Nachhaltigkeit nicht einfach nur angenäht werden, sondern muss mit dem Unternehmen verwoben sein“, betont Pontzen. Sprich: Es geht nicht nur um ein bisschen CO– Reduktion in der Produktion, sondern um die Ökologisierung der kompletten Wertschöpfungskette, um Verringerung des Energieverbrauchs im Unternehmen, um den Umgang mit Ressourcen.

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Nachhaltigkeit darf in Modeunternehmen nicht nur angenäht, sondern sie muss mit dem ganzen Unternehmen verwoben werden.

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Henrik Pontzen, Leiter ESG bei Union Investment

Nachfrage kaum zu befriedigen

Ein Unternehmen, das von der neuen Ökowelle in der Textilbranche nicht nur profitiert, sondern auch selbst die Welle antreibt, ist der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing AG, der Textilfasern auf Basis von Zellulose, also Holz, herstellt. „Wir sind bei nachhaltigen Fasern ausverkauft, wir können die Nachfrage gar nicht voll bedienen“, sagt Dominic Köfner, Sprecher der Lenzing AG. Noch stellen nachhaltige Fasern nur einen Mini-Teil des Weltmarkts dar. 

Von den 110 Millionen Tonnen an Fasern, die weltweit jährlich produziert werden, sind drei Viertel „fossil“, also Kunstfasern auf Basis von Erdöl. Von dem einen Viertel an Öko-Fasern, beträgt der Lenzing-Anteil eine Million Tonnen. Dieser Anteil wächst: Erst kürzlich wurde ein neues Faserwerk in Thailand eröffnet, in Brasilien steht die nächste Expansion unmittelbar bevor. Damit der durchgängige Produktionsprozess von der Faser bis zum Kleidungsstück nachhaltig nachvollzogen werden kann, hat die Lenzing AG eine Kooperation mit dem deutschen Ökolabel Armed Angels und mit Schneider abgeschlossen. Mittels Blockchain wird jeder Produktionsschritt dokumentiert. 

Ökofasern kommen nicht völlig ohne negative Eingriffe in die Umwelt aus. Deshalb will Lenzing verstärkt in Richtung Recycling gehen. „Das ist bei Textilien nicht einfach, weil sie aus vielen unterschiedlichen Materialien – von Stoff über Knöpfe, Reißverschlüsse bis zu Plastikteilen – bestehen. In einer Forschungskooperation mit der schwedischen Forstgenossenschaft Södra arbeitet die Lenzing AG am Textil-Recycling. 25.000 Tonnen an Altkleidern will man 2025 wiederverwerten.

Kreislauffähige Laufschuhe

Der Schweizer Laufschuhhersteller On hat sich in punkto Kreislaufwirtschaft Großes vorgenommen. Schon jetzt sind 44 Prozent im neuen Laufschuh „Cloud“ von On aus wiederverwerteten Stoffen. Cyclon heißt das Projekt, das den Schuh in den Kreislauf bringt. Kunden mieten den Schuh und geben ihn wieder zurück, wenn er nicht mehr genug Elastizität für die Läufer hat. Aus dem Material des alten Schuhs wird ein neuer produziert. Damit wird Rohstoff gespart, nämlich Erdöl. Denn Kunststoff – der Großteil eines Laufschuhs – wird aus Öl erzeugt. Und vom Öl will On weg. „Öl beschleunigt den Klimawandel. Bei dessen Vermeidung wollen wir mithelfen“, sagt Martin Hoffmann, Finanzchef des Unternehmens, im Börsianer Grün Climate Action Podcast. 2024 sollen nur noch Recycling-Materialien für die Schuhe verwendet werden. Alternativen sucht On in Materialien aus der Rizinosbohne und „dem „Einfangen von CO2“, einem Forschungsprojekt mit Borealis und Lanzatech.

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Ökofirmen finanzieren sich billiger

Unternehmen, die Nachhaltigkeit großschreiben, können damit ihre Finanzierungskosten senken. Die Lenzing AG etwa hat erst kürzlich eine Anleihe begeben, deren Verzinsung an der Erfüllung bestimmter Nachhaltigkeitskriterien hängt. Schafft das Unternehmen die Vorgabe, zahlt es weniger Zinsen, schafft sie es nicht, mehr. „Lenzing hat sich damit 100 Millionen Euro erspart“, sagt Köfner. Auch der Sportartikelhersteller Adidas hat sich mit so einer Finanzierung Millionen erspart. Adidas wird von Nachhaltigkeits-Analysten geschätzt. „Sie senden viele Signale, dass sie es mit der Ökologisierung ernst meinen“, betont Pontzen.

Und die Anleger? „Investments in nachhaltige Unternehmen bringen langfristig Vorteile. Die Unternehmen sind zukunftsfit und unabhängiger von teurem Öl“, sagt Pontzen. Heikel bleibt die Einstufung: Welches Unternehmen agiert wirklich nachhaltig? Gerade in der Modebranche ist das nicht einfach, erklärt der ESG-Experte von Union Investment. Denn Transparenz stehe nicht immer im Vordergrund.

Alexander Osojnik, Senior ESG Research Analyst bei der Erste Asset Management, ist genau damit beschäftigt. Er analysiert Unternehmen und identifiziert dabei deren Nachhaltigkeits-Strategien in allen Details. „Wir haben eine Bandbreite von 100 Punkten. Nur wer zumindest 50 Punkte erreicht, wird von uns überhaupt angeschaut“, sagt Osojnik. Eine Unmenge von Daten über alle Wertschöpfungsschritte, Lieferanten und das Unternehmen selbst, fließen in die Analyse ein. Erst wenn alles durchleuchtet ist und die Öko-Vorgaben erfüllt sind, kann die Aktie des Unternehmens in „grüne Fonds“ aufgenommen werden. „Das Schwierige aber ist, Nachhaltigkeit mit ökonomischer Sinnhaftigkeit zu verbinden“, erklärt Osojnik. Denn „Öko“ allein bringt noch keine Rendite. 

Meine Grüne Rendite

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Wenn schon immer wieder neue Kleidung kaufen, dann wenigsten nachhaltige. Schau auf‘s Label und zwar nicht auf die Modemarke, sondern auf das Ökolabel. Und: Schau, ob es recycelte Stoffe, Schuhe und Taschen gibt. Kaufe mit Bedacht. Das hilft der Umwelt und dem Platz im Kasten.

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