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Von Boersianer Redaktion
Bin grün, suche Geld
Am Kapitalmarkt werden mehr grüne Anleihen emittiert als je zuvor. Dabei müssen Geldnehmer deutlich höhere Standards erfüllen als bei konventionellen Finanzierungen. Das Kontingent grüner Kredite ist längst nicht ausgeschöpft. Lohnt sich der Mehraufwand? Der Börsianer Grün hat am Kapitalmarkt nachgefragt.
April 2022
ist Vorstandsvorsitzende der österreichischen BKS Bank AG. Die Kärntnerin hält Resilienz für die wichtigste Eigenschaft in ihrem Beruf. Hätte sie sich nicht für die Finanzbranche entschieden, wäre sie Landschaftsarchitektin geworden. Ihre größte Klimasünde? „Ich fühle mich sehr wohl, wenn es 25 oder 26 Grad im Raum hat“, sagt Stockbauer.
Sein Herz schlägt für Immobilien und Finanzen. Lander leitet bei Vonovia SE das Front Office Finanzen und Treasury, zuvor war er bei Volkswagen Immobilien tätig. Er begab die ersten Green Bonds eines deutschen Immobilienkonzerns.

Stell dir vor, du hast Geld und keiner will es. So ging es der Raiffeisen Bank International AG (RBI) im Vorjahr. Sie stellte ein Kontingent von 6,1 Milliarden Euro für nachhaltige Finanzierungen zur Verfügung. Ausgenutzt haben die Kunden nur 4,3 Milliarden Euro. „Geld für die Energiewende gibt es genug“, sagt auch Herta Stockbauer, die Vorstandsvorsitzende der österreichischen BKS Bank AG im Gespräch mit dem Börsianer Grün. Global gesehen lag das neu emittierte Volumen grüner Anleihen 2021 bei einer halben Billion US-Dollar. Das ist nicht nur ein neuer Rekord, sondern im Vorjahresvergleich auch ein Anstieg von 75 Prozent.

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Grün heißt nicht weniger Risiko

Viele Banken bieten ihren Kunden grüne Kredite an – sogenannte Green Loans. Nach einem internen Kriterienkatalog bestimmt die Bank, ob das zu finanzierende Projekt grün ist. Einen preislichen Vorteil gibt es für Kunden in der Regel nicht. Bei der RBI fließt die Qualifikation als grün nur als „Soft Fact“ in die Entscheidung mit ein, ob der Kunde den Kredit bekommt. Wichtigstes Kriterium ist weiterhin die wirtschaftliche Betrachtung. Den größten Einfluss auf den Zinssatz haben wie bisher die Laufzeit und das Kreditrisiko. „Das Konzept der Kreditfähigkeit gibt es seit mehr als 200 Jahren, die Taxonomie-Konformität hingegen erst seit zwei Jahren“, sagt Peter Klopf, Sprecher der Erste Group Bank AG. Etwas anders ist das bei der Schweizer UBS: Hier erhalten Kunden eine Prämie, wenn sie bestimmte ESG-Faktoren erfüllen.

Eine Zeit lang überlegten Banken, bei grünen Krediten eine geringere Eigenmittelunterlegung zu akzeptieren. Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde war dagegen. Grund dafür: „Grün heißt nicht gleich weniger risikoreich, diesen Zusammenhang kann man einfach nicht herstellen“, betont Stockbauer. Sie findet, dass wir „die grüne Debatte nicht immer nur unter dem Thema Anreiz führen dürfen, wir müssen auch einfach wissen, dass ressourcenschonendes Wirtschaften Kostenvorteile für die Unternehmen bringt.“

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Noch mehr grüne Milliarden

Finanzielle Vorteile hat ein grüner Kredit also nicht per se. Allenfalls gelangt man schneller an Geld, weil Banken einen bestimmten Teil ihres Geldes für nachhaltige Finanzierungen zur Verfügung stellen: Die Credit Suisse will die Transformation bis 2030 mit 300 Milliarden Schweizer Franken unterstützen, die Deutsche Bank bis 2025 mit mindestens 500 Milliarden Euro. Bei der RBI soll ein Drittel aller Finanzierungen bis 2025 nachhaltigen Projekten zukommen, die Erste Group Bank AG will bis dahin die 25-Prozent-Marke knacken. Einige Banken, darunter die Zürcher Kantonalbank, verzichten auf eine quantitative Offenlegung, weil es keine einheitliche Definition für die Finanzierung nachhaltiger Projekte gibt.  

Geld ist genug da, aber „das heißt nicht, dass wir grüne Finanzierungen dem konventionellen Kreditgeschäft pauschal vorziehen“, sagt Heinrich Froemsdorf, Sprecher der Deutschen Bank, zum Börsianer Grün. „Der Vorteil für den Kreditnehmer ist, dass er seine Nachhaltigkeitsmaßnahmen gegenüber externen Stakeholdern kommunizieren kann“, erklärt Yanik Schubiger, Sprecher der Credit Suisse.

Vorbereitet im Bankgespräch

Es geht auch anders: Bei Sustainability-Linked Loans muss das zu finanzierende Projekt nicht zwangsweise nachhaltig sein. Oft geht es um die Finanzierung von Betriebsmitteln. Die Bank und das Unternehmen vereinbaren stattdessen Nachhaltigkeitsziele: Erreicht das Unternehmen diese, verringert sich der Zinssatz. Bei Nichterreichung kann er sich – je nach Kreditvertrag – auch erhöhen. Verträge, in denen die Verschlechterung des vereinbarten Nachhaltigkeitskonzepts keine negativen Folgen für den Kreditnehmer hat, sind Rechtsanwalt Levente B. Nagy ein Dorn im Auge:

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So kann der Eindruck entstehen, dass ein nachhaltiger Kredit vergeben wurde, obwohl das gar nicht der Fall ist.

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Levente B. Nagy, Rechtsanwalt

Mit seiner Wiener Kanzlei hat sich Nagy auf Nachhaltigkeit spezialisiert. Seinen Mandanten empfiehlt er, schon im Vornherein ein ESG-Scoring zu erstellen und im Gespräch mit Bankberatern von „nachhaltiger Wirtschaftstätigkeit“ zu sprechen. Diese bringen das Thema ohnedies oft selbst auf: „In fast allen Finanzierungsgesprächen wird die Möglichkeit von nachhaltigen Finanzierungsprodukten angesprochen“, sagt RBI-Sprecherin Ingrid Ditz. Fehlende Daten seien oft eine Herausforderung, ein ESG-Scoring kann helfen.

Sein Name ist Bond, Green Bond

Bei größeren Finanzierungssummen, etwa ab fünf Millionen Euro aufwärts, kommen Anleihen in Frage. Auch hier gibt es nachhaltige Varianten: Green Bonds, Social Bonds und Sustainability-Linked Bonds, um die Wichtigsten zu nennen.

Erneut lautet die Gretchenfrage: Wann ist ein zu finanzierendes Projekt grün, sozial, nachhaltig? Einen rechtlich verbindlichen Standard gibt es bei grünen Anleihen nicht. Die meisten Emittenten halten sich aber an die Green Bond Principles (GBP) der International Capital Market Association (ICMA). Auf Basis dieses Leitfadens verfassen Unternehmen ein Framework. Darin steht, was für sie als grün, sozial oder nachhaltig gilt.

Um den Green-Bond-Markt zu vereinheitlichen und Vergleichbarkeit für Investoren zu schaffen, hat die EU-Kommission 2019 einen Vorschlag für einen EU-Green Bond Standard (EU-GBS) gemacht. Im Ergebnis wären die EU-GBS so etwas wie ein Gütesiegel für Green Bonds. Wer es haben möchte, muss aber mehr Verpflichtungen erfüllen als bei dem Leitfaden der ICMA. Noch diskutieren die EU-Organe den Vorschlag, heißt es auf Nachfrage des Börsianer Grün aus Brüssel.

Gegen Greenwashing absichern

Was in die Kategorie grün fällt, ist in der Immobilienbranche relativ einfach. Zumindest bei Renovierungsprojekten: Ein Gebäude lässt sich energiesparend oder energieintensiv betreiben. Nach den Kriterien der EU-Taxonomie ist eine Renovierungsmaßnahme grün, wenn sie dazu führt, dass der Energiebedarf um 30 Prozent sinkt.

Bei Neubauten fehlt ein Vergleichswert. Deshalb lassen sich Immobilienkonzerne gerne von einer unabhängigen Instanz bestätigen, dass ihr Bauvorhaben internationalen Nachhaltigkeitsstandards entspricht. Eine weitere Absicherung gegen Greenwashing-Vorwürfe ist die Einholung einer Zweitmeinung, auch Second Party Opinion genannt. Eine Ratingagentur wie Sustainalytics nimmt das Framework unter die Lupe. Sie bestätigt, dass es sich dabei nicht nur um ein Lippenbekenntnis handelt.

Im Framework verpflichten sich Unternehmen in der Regel auch dazu, gewisse Reporting-Standards einzuhalten. Typischerweise berichtet der Emittent einmal im Jahr, wie weit er mit der Zuweisung der finanziellen Mittel ist. Zusätzlich überprüft eine Agentur, ob das Unternehmen die eigens auferlegte Pflicht erfüllt.

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Climate Fact

Lohnt sich der Mehraufwand bei Green Bonds für Emittenten?

Klima Fakt

„Natürlich ist so ein Framework nicht in einem Tag fertig. Wir haben ein paar Wochen gebraucht. Aber im Idealfall schreibt man es nur einmal. Auf der Basis dieses Frameworks kann man mehrere Green Bonds begeben“, ordnet Bruno Ettenauer, Vorstandsvorsitzender der S Immo AG, ein. Und ergänzt: „Ich denke, dass die niedrige Verzinsung unseres Green Bonds unter anderem damit zusammenhängt, dass die Anleihe grün ist“.

Auch für den deutschen Immobilienkonzern Vonovia SE lohnt sich der Mehraufwand. „Viele Investoren suchen nach Möglichkeiten, ihr Geld nachhaltig anzulegen. Wir wollen diese Gruppe von Anlegern erschließen und unsere Finanzierungsquellen breiter aufstellen“, erklärt Fabian Lander, der dort für grüne Finanzierungen verantwortlich ist. „Green Bonds haben in der Regel höhere Überzeichnungen und damit geringere Neuemissionsprämien“, so der Finanzierungsexperte. Für Vonovia SE sind Green Bonds ein Baustein in einer übergeordneten Strategie: Das, was grün investiert wird, soll auch grün finanziert werden.

Meine Grüne Rendite

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Ein grüner Kredit ist nicht per se günstiger als ein konventioneller Kredit. Dafür können Kreditnehmer ihren Stakeholdern zeigen, dass sie in nachhaltige Projekte investieren. Nur bei Sustainability-Linked Loans sinkt der Zinssatz bei Erreichung vereinbarter Nachhaltigkeitsziele. Emittenten von Green Bonds erhalten ihr Geld zu besseren Konditionen, wenn die Nachfrage nach grünen Anleihen größer ist, als nach konventionellen – was meist der Fall ist.

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